Wozu und wie belügt uns die fossile Energiewirtschaft?
Seit über 40 Jahren manipulieren Öl-, Gas- und Kohlekonzerne, sowie Regimes der Länder mit Öl- und Gasvorkommen, die Bevölkerung und die Politik systematisch durch Falschinformationen. Dafür wenden sie enorme Geldsummen auf, kaufen sogar ganze Medienhäuser und „simulieren“ Wissenschaft.
Ihr Ziel: Die Menschheit soll von Öl, Gas und Kohle abhängig bleiben, und die Politik soll ihnen nicht in die Quere kommen. Denn es geht um unvorstellbar viel Geld. Seit 50 Jahren macht die Öl- und Gasbranche weltweit jeden Tag 3 Milliarden US-Dollar Gewinn. Wohlgemerkt, Gewinn, nicht Umsatz, und nicht jährlich oder monatlich, sondern Tag für Tag.
Eine dezentrale, unabhängige Energieversorgung mit erneuerbaren Energien, das Reduzieren von Energieverschwendung durch effizientere Industrieanlagen, gut gedämmte Häuser, sogar Homeoffice und eine pünktliche Bahn schmälern ihren Gewinn.
US-Ölkonzerne wussten schon vor mehr als 40 Jahren über die Folgen ihres Geschäftsmodells bescheid – und entschieden sich bewusst für eine Desinformations-Strategie.
Der Treibhauseffekt ist seit über 100 Jahren bekannt. Und bereits den 70er Jahren warnten Wissenschaftler des US-Ölkonzerns Exxon davor, dass das Treibhausgas CO2, das beim Verbrennen von Öl, Gas und Kohle entsteht, verheerende Folgen für uns Menschen auf dieser Erde haben wird: Dürrephasen, Hitzewellen, häufigere und stärkere Stürme, heftige Regenfälle und Flutkatastrophen, das Abschmelzen von Eismassen und der Anstieg des Meeresspiegels, eine veränderte Zirkulation in den Ozeanen und vieles mehr.
Doch das Konzernmanagement erkannte, dass eine Veröffentlichung der Forschungsergebnisse im Widerspruch zu ihrem Interesse der Profitmaximierung stand, und entschied sich, sie geheim zu halten und fortan seriöse Klimawissenschaft mit allen möglichen Mitteln zu bekämpfen.
Den Managern der Ölkonzerne und Superreichen wie Charles Koch war und ist bekannt, dass dieses Vorgehen mittelfristig jedem dritten Menschen auf dieser Erde die Lebensgrundlagen entzieht, und dass es zum Zusammenbruch der wichtigsten Ökosysteme, die uns ernähren führt und damit unweigerlich zu Kriegen. Es ist allgemein bekannt, dass ihr Geschäftsmodell bereits heute massive volkswirtschaftliche Schäden verursacht, beispielsweise durch Ernteausfälle, Hurricanes, Überflutungen und Brände.
Die Elemente der Desinformations-Strategie
Der Kern der Desinformations-Strategie war und ist, Zweifel an der Wissenschaft und an allen Lösungen zu säen. Die Menschen sollen im Dschungel widersprüchlicher Aussagen letztlich überhaupt nichts mehr glauben und untätig bleiben bzw. an bisherigen Gewohnheiten festhalten und sogar einen Hass auf alle entwickeln, die Veränderungen herbeiführen wollen.
Dieses Konzept wird auf allen Ebenen und für alle Bildungsniveaus angewendet, von der Boulevardzeitung bis zu pseudowissenschaftlichen Studien, die über Lobbyisten an Politiker verteilt werden. Pseudo-„Experten“ werden in Kaderschmieden ausgebildet und werden selbst in seriösen Medien in Dokus, Reportagen, Interviews und Talkshows eingeladen.
Ein weiteres Element der Strategie ist, Gefühle zu manipulieren. Narrative und Aussagen z.B. in den sozialen Netzen provozieren gezielt Verlustängste, Schuldgefühle, Gruppenzugehörigkeit, Nostalgie, Überheblichkeit, Fingerpointing und vieles mehr.
Der „CO2-Fußabdruck“ geht beispielsweise auf eine Kampagne von BP zurück. Ziel der Kampagne war, Nachhaltigkeit mit einem unguten Gefühl, mit einem schlechten Gewissen zu verbinden. Menschen sollen mit dem Finger aufeinander zeigen. Die, die sich um Nachhaltigkeit bemühen, werden mit aufwendigen persönlichen Einsparmaßnahmen abgelenkt, die aber insgesamt einen unzureichenden Effekt haben.
Schlechtes Gewissen als Teil der Strategie
Die Menschen sollen sich möglichst unwirksam, unter Druck gesetzt und bevormundet fühlen. Man dreht die Heizung runter und lässt das Auto stehen, und es ist immer noch nicht genug?! Dies löst wiederum Abwehrmechanismen aus, Man erkennt sie an Sätzen wie „Ich muss aber mit dem Auto zur Arbeit fahren“, „Fuck you Greta“, „Ich arbeite hart, ich lasse mir die Flugreise nicht vermiesen“ oder „Aber China…“
In einem System, das durch und durch auf fossilen Energien aufgebaut ist, kann man als Einzelperson zwar den eigenen Fußabdruck ein wenig reduzieren, aber systemische Effekte und politische Maßnahmen sind notwendig, damit die gesamte Gesellschaft sich von Öl, Gas und Kohle unabhängig macht, und genau von diesen sollen wir gezielt abgelenkt werden.
Selbst Menschen, die sich für Nachhaltigkeit engagieren, fallen auf solche Ablenkungsmanöver herein und predigen den persönlichen Verzicht, während gleichzeitig Frau Von der Leyen für 700 Mrd. US$ dreckiges Frackinggas von Trump kauft und immer noch 19% Mehrwertsteuer auf Hafermilch erhoben wird.
Technologieoffenheit als Verzögerungstaktik
Als Verzögerungstaktik bringt die Fossil-Lobby immer wieder nachteilige Technologien unter dem Stichwort „Technologieoffenheit“ in die Debatte ein. Beispiele sind Wasserstoff-Autos, eFuels, Biokraftstoffe, Pelletheizungen oder auch die H2-Ready-Gasheizung. Damit heizen sie Diskussionen an, die die Gesellschaft spalten und dazu führen, dass viele Menschen abwarten und sogar Entscheidungen treffen, die für sie selbst wirtschaftlich nachteilig sind, wie den Einbau einer neuen Öl- oder Gasheizung. Diese Lösungen haben eines gemeinsam: Sie sind ineffizient, teuer und man braucht flüssige oder gasförmige Energieträger, mit deren Produktion, Transport und Handel Energiekonzerne Gewinne machen können.
Diese und weitere Elemente der Strategie bremsen die Transformation zu einem sauberen Energiesystem.
Saubere Energie ist inzwischen die billigste
Ein System mit 100% erneuerbaren Energien ist übrigens bereits mit den heutigen Technologien deutlich preisgünstiger als das tödliche fossile System. Studien verschiedener Institute gehen alleine für Deutschland von einer Ersparnis von 40 bis 80 Milliarden € pro Jahr aus, die die Energiewende einspart, wenn sie nicht weiter ausgebremst wird. Geld, das im Bildungswesen, in den Gesundheitssystemen, in der Rente, bei der Sanierung der Bahnstrecken und Brücken und bei der Bekämpfung der Kinderarmut wohl besser angelegt wäre, als bei Putin, Trump, Sultan Al Jaber, Shell und BP und dem Präsidenten von Aserbaidschan.
Mehr über die Desinformations-Strategie der Ölindustrie
- Spektrum der Wissenschaft – Wie Exxon den Klimawandel entdeckte – und leugnete
- Climate Files – 1982 Memo to Exxon Management about CO2 Greenhouse Effect
- TAZ – „Exxon hat hinters Licht geführt“ – Interview mit Stefan Rahmstorf über die Lobbymacht fossiler Konzerne (2023)
- ZEIT – „Es gibt erstaunliche Bemühungen, Klimaschutz zu verhindern“ – Interview mit Politikwissenschaftler Dieter Plehwe (2024)
- Klimareporter – Systematischer Rufmord an Klimaforscher:innen
- Youtuber Andreas Prinz über ATLAS – Das gefährlichste Netzwerk der Welt
- Reportage von Frontal21 und Correctiv: Under Cover bei Klimawandelleugnern – die Strategie des Heartland-Instituts
Wir brauchen eine wirksame Gegenstrategie
Der Siegeszug der erneuerbaren Energien ist eine große Chance, denn es gibt jetzt eine günstige Alternative zu fossilen Energien. Der Wechsel lässt sich nicht mehr aufhalten, allerdings ist jede weitere Verzögerung ein Spiel mit dem Feuer, und dazu auch noch teuer.
Wir brauchen also eine neue Ausrichtung bei unseren Bemühungen um Nachhaltigkeit, die sich entschlossen gegen die fossile Energiewirtschaft mit ihren Lügen, ihren Profiten, ihrer Zerstörung und ihren Kriegen richtet und ihre Lügen enttarnt.
Wir sollten aufhören, Menschen mit erhobenem Zeigefinger über ihren persönlichen Fußabdruck aufzuklären und Fronten zu bilden. Alle wollen eine gute Zukunft für unsere Kinder. So schön und lebensfreundlich, wie die Erde zu unserer Kindheit noch war, wird sie nicht wieder. Aber noch können wir etwas beeinflussen. Dafür ist es wichtig zu verstehen, wer die Feinde sind, welche Strukturen sie haben und welche Strategien sie einsetzen. Und dann einen Schritt cleverer sein und uns für die nötigen politischen Maßnahmen und eine dezentrale Energiewende einsetzen.
Buchtipp: „Männer, die die Welt verbrennen”

Christian Stöcker deckt die Hintergründe und Verflechtungen auf, die den Wechsel von Öl, Gas und Kohle verzögern. Er richtet den Blick auf die USA, auf Charles Koch und das Atlas Netzwerk, auf Russland, und auch auf Deutschland, u.a. mit der Medienlandschaft und politischen Akteuren wie Frank Schäffler. Beispielsweise an der Entwicklung in Australien zeigt er aber auch, wie sich Veränderungen durchsetzen können.

